Freitag, 20. November 2009

Nabokov, Das Modell für Laura




Für mich als Nabokov-Verehrer war der Fall klar: Sobald "Das Modell für Laura" erhältlich sein sollte, wollte ich es haben, trotz der großen Kritik am Raubbau des Brillantesten Schriftstellers des 20. Jahrhunderts, der seiner Frau das Versprechen abnahm, dieses Werk zu vernichten, sollte er es nicht mehr fertigstellen können, was dann ja tragischer Weise so war. 30 Jahre lang schlummmerten die Karteikarten, auf denen der Entwurf erledigt wurde, in einem Schweizer Safe. 1991 folgte Vera Nabokov dem Meister in die Unendlichkeit und die Gewissensplage ging an den Sohn Dimitri über. Der entschied sich letztlich für eine Veröffentlichung des Fragments, und seitdem sind die Lager gespalten. Trotz der allgemein harrschen Kritik, die nachvollziehbar ist, bin ich froh, etwas von Nabokov in Händen zu halten, was eben genau diesem Stadium des Werdens entspricht. Das ist keine Leichenfledderei; für mich als Dichter, der selbst mit endlosen Karteien arbeitet, ist das ein Schaustück, das mich beinahe mit religiösem Eifer erfüllt. Und seit gestern studiere und vergleiche ich Handschriften.

Donnerstag, 19. November 2009

Tafel 8: Wanderung und Heimkehr/Vampyradonna

Ich werde die Frauen brauchen um zu überleben, bis es unmöglich geworden ist, bis ich nichts mehr in mir selbst erkennen kann, das nackte, fahle Draußen aber betasten, essen, vollspritzen, um es einmal deutlich zu sagen, was mir gehört riecht nach meiner bunten Wäsche, die weniger wird, weil sich auch Löcher darum reißen
(der anschließende Wunsch, Vampir5 zu werden, um Löcher auszusaugen)
dem wunderlichen lichten Morgen tuts keinen Abbruch, ob nun Carlos nächtlich bunte Eier ausrollte, um den Enkel allezeit von den Fragen nach der Sonne abzuhalten
(damit er jene nach dem Ei und dem Huhn und dem Hasen stellen konnte)6
ob tatsächlich der mystische Hoppelpopp seine Fruchtbarkeit dort unter Beweis zu stellen trachtete, wo der Acker reichlich Ernte versprach
(Weichen sind schneller gestellt als Züge fahren, gerade im Sonnenfragealter)
dann quer durch den Busch, wo Adam sich den Magen verdarb
(wie später an Amanita Muscaria, die er in einer ersten Neugier samt Basidien, Sporen, Volva, Anulus, Lamellen und Hut verstaute)
Walden, die ersten gerupften Federn im Mondlicht, Skelette kleiner Nager, die sich anschleichende Suche, man behüte den Wanderer vor Behutsamkeit, der Pilger war träumerisch genug, um sich von der Natur verschlingen zu lassen, das Idyll regt sich durch Wanderung und Heimkehr

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- Wie soll ich dich denn lieben, wenn du mich dauernd beißt?
die Vampirin, haltlos und nackt bis zur Erschöpfung ihres Mundes, des Kusses vereint, in Brüsten, schneeweiß
- Schau dir diese Scheiße an!
hält seinen arm vom Körper weg, dem sie das Tropfen abschaut und im ersten Moment nicht weiß, was ihm denn diesen Glanz aus den Augen raubt
- Ist es
(das verrinnende Blut vielleicht)
und sein Blut hat anderes zu tun als ihn wieder aufzurichten, es geht um ein Leben, das sie nicht hat
- Wenn ich von dir lasse, stirbst du
und das sie auch nicht mehr will, weil sie sich nicht daran erinnert, er tollt herum, jetzt außer sich, weil er es weiß, er es weiß (und dreht sich im Kreis)
- Jetzt ist es genug, du musst mir gehören
und sackt auf die Knie, zumindest, der Arm ist gebissen, und vieles andere auch ist gebissen, und sie geht zu ihm hin, das verschüchterte Ungeheuer
- Geh weg
- Wenn du das wirklich wolltest
Die Bäume lärmen im Stehen und bilden einen Chor, die Nacht ist hell, sie kommt näher, er kniet, sie kommt näher, aber zögernd, denn sie will ihm nichts tun
- Du verblutest, wenn ich nicht
nur Blut, ihm schwindelt der Wald
- Weitermache
- Was bist du?
- Aber ich bin doch nur wegen der Nacht
hier
- Und dir
tönern, schon kommt der Tod wie eine Schachtel blau und riecht nach Karton, seine Arme fuchteln, und die Rubine sprotzen, während er hinterücks fällt, und nach Eisen stinkt, nach Geronnenem, sie hat ihn schwer erwischt, das kann man nicht leugnen
- Ich wollte dich schon
und er röchelt ein Lied wie 'was bist du'
- Und jetzt willst du nicht freiwillig am Leben bleiben, wofür du aber sterben müsstest
Sie verschweigt ihm aber, wo er schon glaubt, es gäbe Vampire, dass sie eine gemeine Mörderin mit ihren Zähnen ist, weil sie nicht glaubt, was man ihr erzählt hat
- Dass ich mir das alles einbilde
und er es nicht glaubt, und er ja verblutet und sie nichts tun kann als sich so allein neben der Leiche zu fürchten



6 Es lebt in jedem merkwürdigen Menschen eine grosse Portion mit Dämonie vermischte Religiosität; aber es ist sicher, dass sogar der stärkste Mensch, wenn er sein Inneres zum ersten Mal wiedergespiegelt sieht, vor sich selbst erschrickt. Der Mensch kann sich im ersten Augenblick nie ganz und gar nehmen und entflieht meistens vor seinen günstigsten Augenblicken – wie wir noch sehen werden.

Tafel 7: Magnetischer Sound

Du wirst in diesen magnetischen Sound hineingefallen sein, dein trügerisches Okay zu den Knödeln am Holztisch, den Uhren, die du auseinandernehmen darfst, sie sind alt und laut und haben einen Tick
(die Wecker)
spotten dich nicht ohne eine gewisse Genugtuung, die Zeit läuft, doch rennen nützt nichts, genausogut kannst du stehen bleiben, sogar im liegen
'Stehen bleiben!'
die Welt kommt bei dir vorbei, nimmt sich als dein Gast in dir alles, die Freiheit hast du, jetzt Kind zu sein, niemals wieder, Kropfsterber und Krebssterberin, die Lebengehabthaber mit ihrem Wecker, den du auseinandernehmen darfst, der Chirurg Cherubim, den Leib, die Schläuche sind ja nicht mehr zu retten
'Angehörige?'
(Adam)
'Was wird aus dem?'
das Übliche
(ein Unruheherd für sich selbst)
'Warum die Sonne?'
(darüber verrückt werden)

Mittwoch, 18. November 2009

Tafel 3, 4, 5 & 6: Am Ewigen Rauschen

(Am Ewigen Rauschen)
lernte ich zuerst die Wälder wahrzunehmen, ihr sanftes Stachelgrün, den Pyramidenbau ihrer Bewohner, die ersten Wunder des Rabenbrots
(lieblicher: Amanita)
das sich im säuerlichen Gestrüpp des strengen Gebirges zu einem Hecksenkreis zusammenschloss, das Mittelgebirge als Landschaft, die mir entsprach, das Klettern erlernte ich an den Felstrauben zwischen hoch aufragenden Tannen und auch an den kernigen Brüdern selbst, die aus dem Nadelstreu ragten, ich lag in den korrosiven Mulden und kostete Moos und Schlamm, verdarb mir an Blumen den Magen; die Nacht über den vier Flüssen Eger, Saale, Naab und Main, dem Fichtelsee
'Wie die Wipfel'
(der Tau war ich)
wurde Honig und Harz, die Nacht
(wie die Wipfel singen wollte ich)
sang bevor ich sprach, und als ich dann sprach, wollte ich von dem berichten, was ich in den Kelchen der Gladiolen fand, den Schnurrbärten der Gräser
(ich verabredete mich mit Skarabäen und der gefürchteten Waldameise zum Spiel)
dort
(am Ewigen Rauschen)
wusch ich mir die Füße und vergrub einen Schatz
(Adam übertreibt hier sinngemäß, es sei denn, man ließe einen toten Kanarienvogel, eingebettet in die Blätter einiger ersten frühen Gedichte als Schatz gelten)

Die Stufen der Kößeine hinauf war ich Ritter, der Blick vom Turm war ich Bussard, mir gehörte die Schönheit des Hufeisenlandes, der Sechsämter, König der Hirsche: Zwölfender, in den hohen Gräsern der Rehauen ästen die goldenen Tiere und liebten sich für mich
(die Rehe des Fichtelgebirges besiegen die Tiger der Tropen)

Ich trug den Zorn auf den Lippen, der das Versagen kennzeichnet, kein Gott zu sein, die Welt schmiegt sich nicht durch eine Handbewegung um die eigene Wiege, nichts zieht unsere Aufmerksamkeit mehr an als der Abgrund, das Verderben
'Stell dir die Frage nicht, warum es eine Sonne gibt, die uns wärmt, die alles aus der Erde blühen lässt, du wirst darüber verrückt'
(nicht wegen dieser Frage, sondern wegen der Fragen, die hinter dieser Frage lauern)
Carlos Pikid, pragmatischer Zwitschervogelkenner und artenreicher Lauscher auf die Frage, wie weit die Sonne entfernt sei, und was es überhaupt auf sich habe mit diesem Feuerball, den man wie die Göttin Ereskigal2 nicht ansehen dürfe ohne dabei zu erblinden
(wir machten Lärm, tanzten während der Finsternis, damit der Drache die Sonne wieder frei gäbe)
'Wenn die Pferde Götter hätten, sähen Sie wie Pferde aus'
mir blieb die Schönheit, ihm das Warnen vor dem Gifte der prophetischen Gabe
(und beträfe sie nur das eigene Geschlinge, was ja mehr wäre als das eigentliche Sehen ohne Staunen)
Pferde würden sich nicht Pferde nennen sondern Frenum, Freni oder Fred

(Das Walden)
ist im abgeholzten Europa
(die Prinzessin wirds nicht gerne hören)
kein Orakelsuchen mehr, durchs morgendliche Spinnwebfunkeln hinunterspähen, zwischen den Felstrauben klammernd aufreckende Tannen belauschen
(da ist kein Geheimnis um die Orientierung, stellt man den Interrogativsatz)
'Wo warst du gestern?'
'Ist das eine Frage?'
hängt vom Fragezeichen ab, denn wo jemand diese Frage stellt, hat das Sorgen ein Ende3, bevor sich Adam in den Weiten der Waldmeere verfranzt4 wiedergefunden haben würde, es sei denn, man früge einen Geist, aber selbst der möchte sich erst einmal einstellen, vor das Aug schmieren
(unscharf)
um die Frage zu beantworten
'Am'
(beim, im, jenachdem)
'Sterben, wie du ahnst'
man hat schon über einen verstauchten Knöchel den Verstand verloren, möge ihn jemand finden, der besser darauf acht zu geben weiß
(Sonntag, fünf Uhr früh)
Walden, erst an der Eger entlang, durch ein Wiesengeflecht mit wasseraderverdrehten Birken aufgetupft
(wo Adam zum ersten Mal Ostara-Eier fand, und seitdem jedes Wunder als herrlich betrachtete, wenn es sich nicht gerade um das Wunder seiner eigenen Verletzlichkeit handelte)
'Das wirst doch du gewesen sein'
eine gewaltige Anklage gegen den Mentor, hier in aller Herrgottsfrühe Eier auf die Wiese gelegt zu haben, war er doch kaum vor Mittag aus dem Schnarchzimmer zu bewegen, was auch verlässlich in Adams Erbgut übergegangen
(der Enin Chillin)
und ein albiniotischer Hirsch ist durch seine Auffälligkeit in der Natur unterprivilegiert, die Kultur erklärt ihn jedoch aufgrund seines Fehlers für heilig
(du musst dich gar nicht in Zeremonien und Tänzen als Hirsch verkleiden, sagte ich mir)
Adam war ein Liebender, der die Welt im Gleiten verlassen konnte, das neue Babylon
(in der Entsprechung des Faktors 1 zu 10 hoch 130)
'Zumindest siehst du mich selbst ganz überrascht'

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2 War es bei Ereskigal die Schönheit, die zum Erblinden führte, wurde Medusa von der eifersüchtigen Athene von der Schönheit zur Scheußlichkeit verbannt, arme sterbliche Gorgone, mit Göttern ist der Flirt ein Unheil

3 Der Gefragte ist ja da, war es nur gestern scheinbar nicht

4 Ich würde mir gerne gestatten, Adam als den Verfranzten überhaupt einzuführen

Tafel 1 & 2: Das Wasser ist der Seelenreiz

Das Wasser ist der Seelenreiz, sein Fließen ist Gesetz, in den Tümpeln wartet das Wasser darauf, fließen zu können, wer aber befreit es? wer aber wäscht sich rein im Stehen? wer aber sieht das Wasser hinunterstürmen durch alle Schichten Gaias, Quarz und Feldspäte, da ich ihm folge wie ein Gedanke nur dem Magnesium folgt, der Aura also des Dings, das sendet? der klare Gedanke ist dann das Ding selbst, und nicht ich denke es sondern wir bedenken uns gegenseitig, der Stein, der mich sieht, das Wasser, das mich fließt, das Barbieren mit der Schere, das Haar ist die Schere
'Ich würde antworten'
und es geht nicht, würde ich antworten, dass wir immer nur nach vorne sehen, wo sind die schönen Skulpturen der Vergangenheit
'Damals im Garten'
diese Skulpturen, dreidimensionale, unverrückbare Bilder, die erinnert werden

Ich werde mich an diesem Wochenende endlich mal wieder hinsetzen um mich zu erinnern, dann werde ich einige Szenen verändern müssen, die ich selbst nicht glauben kann, kreise um die Artefakte, machte das schon öfter, bis das Kreisen zu einem Ruf aus der Dunkelheit wurde
'Möchtest du dich nicht etwas anders hinstellen? Das ist keine gute Stelle, das Licht...'
sperrangelweite Erinnerung, die Idee, mich zu erinnern, kam mir
(das darf doch nicht wahr sein)
spontan, warum sollte das nicht wahr sein, dass
'Damals im Garten'
der Garten nichts sagte, in meiner Erinnerung aber lauthals etwas rief, als ich aus dem Fenster sprang
(oder drauf und dran war)
wollte mich völlig spüren: das Stauchen, Abfedern, die Schwerkraft mitmachen, die blökenden Schafe mit meinem Mut überraschen, mein Glied eingewickelt in Mull
(eine Unterhose taugt nicht zum Lendenschurz)
das Verbandszeug war von nun an meine Kleidung, wer bin ich denn
(ich sprang zweimal)
das sind doch keine Sekunden mehr, oder halte ich die Zeit an? die Gravitation zieht mich nur zum Garten hin sondern flicht sich durch mich hindurch. Ich käme klar, ich sagte, dass ich der Narr sei, das ist wichtig, hören Sie..., oder: Oiga!, ich rufe Sie also an, ich bin der wilde Narr, der in den Wassern wogt, Licht tut das auch
(insofern vorhanden)
da ist die Sonne eiskalt, sagt
'Heute nicht'
und die Wasser springen in ihr Wagnis, sehen das nicht, was ich sehe, sehen mich ja nicht, wie ich (noch) schlendere, den roten Ritter töte1, mir sein Gewand borge, das Narrenkostüm jedoch nicht tausche sondern überhänge, von nun an den Gral suche
'Heute nicht'
weil ich noch einmal zurück muss, schreibend sogar
(aber doch nicht so, dass ein leichter Lesefluss entstehen könnte)
möchte ich mein Land durchstreifen, darf auch wandern, und wenn die Füße stolpern, achte man darauf, wohin die Nase
(der Regenwurm bei seiner Arbeit)
die komplexen Systeme ehrend, man ist nur auf Fahrt, wenn man läuft


1 Nicht wie Parzifal den Sexus zerstörte, riss Adam sein wildes Tier frei